„Es fehlt an weiblichen Rollenvorbildern.“

Nach wie vor sind Frauen in technischen und handwerklichen Berufen unterrepräsentiert. Wir haben mit der Gender- und Diversity-Expertin Ulrike Alker über die Gründe dafür gesprochen. Weiters haben wir nachgefragt, was es braucht, um Frauen generell in die Technik zu bringen und was die Druckbranche tun könnte, um mehr Frauen für die Druckberufe zu begeistern.

Die Sozialisation von Mädchen ist nach wie vor sehr technikfeindlich. Interessiert sich ein Mädchen einmal von sich aus für einen technischen Beruf, dann muss sie viele Hürden, auch in der Familie, überwinden. Technik wird weiters oft mit Eigenschaften wie Schmutz und Lärm assoziiert. Außerdem fehlen Rollenvorbilder und Kinder lernen nicht einmal die weiblichen Formen von der Pilot, Drucker oder Fotograf kennen.

Haben es Frauen in den sogenannten „männlichen Berufen“ schwerer?

Ich denke ja. In unserer Kultur wird Frauen technisches Interesse und Know-how abgesprochen. Männer selbst haben oft keine sehr guten Meinungen über Frauen in der Technik und wenn sich eine Frau in einen „Männerberuf“ verirrt, dann muss sie auch noch diese Vorurteile überwinden.

Wo muss man ansetzen, damit es zu einem Umdenken kommt?

Eine Veränderung kann nur klappen, wenn man langfristig an drei Punkten arbeitet. Erstens braucht es den politischen Willen, zweitens muss man Geld in die Hand nehmen und drittens Personalressourcen bereitstellen. Als wirklich gelungenes Beispiel dafür kann ich das FiT-Programm des AMS anführen. Dieses fördert Frauen, die einen akademischen Abschluss in einer technischen Fachrichtung machen möchten. Interessentinnen werden in einem 3-monatigen Kurs auf das Studium vorbereitet und dann während der gesamten Laufzeit unterstützt. Auch als Organisation muss man umdenken. Uns wurde z. B. erst durch das Feedback der Studentinnen bewusst, dass der Schulstart genau mit dem Start des Studiums zusammenfällt. Hier muss man dann auch bereit sein, Dinge zu ändern.

Was kann Ihrer Meinung nach die Druckbranche machen, damit auch Frauen Drucktechnikerin oder Buchbinderin werden?

Ich kann den Unternehmen nur raten, in Schulen zu gehen. Dort sollte man am besten gemeinsam mit einem weiblichen Rollenvorbild die jeweiligen Berufe vorstellen. Reden Sie aktiv über die Verdienstmöglichkeiten und zeigen sie idealerweise auf, dass eine Druckerin mehr verdient und bessere Aufstiegschancen hat als eine Friseurin oder Verkäuferin. Punkten kann die Branche auch damit, dass sie ihre Vereinbarkeit von Beruf und Familie gut kommuniziert. Das ist für Frauen ein wichtiges Thema, aber auch Männer wollen heute nicht mehr 60 Stunden pro Woche arbeiten. Ermöglichen Sie Führung in Teilzeit. Mit all den genannten Maßnahmen kann sich ein Unternehmen oder auch eine Branche als interessanter Arbeitgeber positionieren. Ich weiß, das ist ein langer Weg, aber man muss in großen Dimensionen denken.

Was kann auf Führungsebene gemacht werden, um die Potentiale weiblicher und männlicher Mitarbeiter bestmöglich auszuschöpfen?

Grundsätzlich gibt es keine weiblichen und männlichen Bedürfnisse, gute Führungskräfte setzen bei der Person als Individuum an. Das Geschlecht steht dabei im Hintergrund. Als gute Führungskraft hole ich mir eine Vielfalt an Potentialen ins Team, denn Innovation lebt von Diversität. Das Team als Gesamtes profitiert sehr davon. Als Chef oder Chefin sollte ich auch reflexionsfähig sein und merken, wo es blinde Flecken hinsichtlich Vorurteilen gibt.

 

Über Ulrike Alker
FH-Prof.in Mag.a Ulrike Alker, M. A. ist seit 2007 Leiterin der Abteilung Gender & Diversity Management der FH Campus Wien. Zu ihren Arbeitsbereichen gehören vor allem die Implementierung von Gender-Mainstreaming und Diversity Management als Querschnittsmaterien in der Institution, Sensibilisierung für diversitätsrelevante Fragestellungen (z. B. Barrierefreiheit) sowie Lehre an mehreren FH-Studiengängen.

www.fh-campuswien.ac.at

 

Bild © pixabay